Dienstag, 24. Mai 2022

analphabet

auf den nachttisch
stelle ich das gedicht
über die finsternis
es schützt die träume
vor dem vergessen

die poesie
ist mein mantel
salbt die wunde stimme
und nimmt den worten
die last der bitteren jahre

Dienstag, 29. März 2022

vom krieg kann ich nichts erzählen

nicht den arm zum gruß heben
sagt mein grossvater
und es heißt bei uns immer noch
Grüß Gott
der lehrer hat dafür
kein verständnis

das sind tschuing gams
sagen sie zu mutter
als sie ankommen
um den krieg zu beenden
sie ist dreizehn

es fallen wieder bomben
vom himmel
wo sie jetzt wohl ist
denke ich
und reiße eine packung
chewing gums auf

kindheitssplitter

siegi spuckt apfelkerne
über die andere straßenseite
wenn kein auto fährt

mutter sagt zur nachbarsfrau
es würde noch soweit kommen
dass ein ei
hundert lire kosten wird

ich zähle die tage
bis juli
im sommer kam ich zur welt
irgendwann nachts um 11

vater kommt nicht mehr
nach hause
hat den koffer gepackt
als ich noch schlief

das leben sei hart
sagt meine schwester pia
sie weiß das ganz genau
sie ist schon ziemlich alt

ich habe ein fahrrad
und eine katze
geld haben wir keines
sagt mutter

ich verstecke mich im schrank
wenn ich an gedichte denke
im dunkeln haben die worte
keine angst

wenn ich groß bin
mache ich mir ein schönes leben
weil man nicht zwei mal
ein schlechtes haben kann

Freitag, 17. Dezember 2021

zufluchtsorte

 einer schläft auf der parkbank

 und bündelt  seine gedanken in die nacht

 

 die mondfrau trägt ihr verwaschenes tüllkleid

 wandert mit ihrem seelenklang

 durch die straßen der stadt

 

 hausmenschen retten sich

 vor der finsternis

 flüstern hinter den türen

 

 ich glätte die wogen auf deiner seite

 der schlag der kirchenuhr

 reißt mich aus der stille 

 

 in tausend scherben

 bricht das wort aus deinem mund 

 mich fröstelt schon

 beim anblick deiner stimme

Mittwoch, 15. September 2021

Stadtlyrik

 

die stadt ist zu klein

für eine große liebe

an der flussmauer

stehen kürzel wie „dta“

an die wand gesprüht

im finstern

als die liebenden längst schliefen

 

ich stehe davor

und verstehe

don‘t trust anyone

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la città è troppo piccola

per un grande amore

lungo l’argine del fiume

abbreviazioni come “dta”

spruzzate sul muro

nell’oscurità

quando gli amanti dormivano da un pezzo


sto di fronte 

e capisco

don‘t trust anyone


 

Freitag, 10. September 2021

bleibt immer alles offen

allein oder mit den versen
eines gedichtes
oder mit dir
und dem atem
in meinem haar

spreche mit den steinen
in meiner faust
dem holz vor dem kopf
irgendwo muss sie sein
die frage auf meine antwort

analphabet

auf den nachttisch stelle ich das gedicht über die finsternis es schützt die träume vor dem vergessen die poesie ist mein mantel sal...