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Freitag, 2. Oktober 2026

restbestand

als kind
verlor ich die sprache
mutter schrieb mir worte
auf die stirn
lange und kurze
manche haben sich festgesetzt
einige trage ich bis heute
und von gewissen
kann ich nie genug lesen

Donnerstag, 23. Juli 2026

jenseits des anfangs

der tod tut nicht weh
ich habe ihn überlebt
es war im sommer
und wilder mohn blühte
auf den wiesen

das schwere gehört
dem leben
der tod ist ursprung
von dort komme ich

Dienstag, 19. Mai 2026

ohne vergebung

deine liebe
hat blaue flecken hinterlassen
auf der haut
auf der seele
und nein
ich vergebe dir nicht
nicht in diesem leben
und auch nicht
in den kommenden
mein frieden beginnt
wenn ich weiß
du weißt

Mittwoch, 25. März 2026

Freitag, 6. März 2026

Solange wir atmen

  

Mein Freund Luca fürchtet den Tod. „Danach ist da nur ein schwarzes Loch“, sagt er.
Ich widerspreche, doch er hört mir nicht wirklich zu. Dann lacht er kurz auf und meint, das Leben sei ohnehin ungerecht – und nach dem Tod sei alles vorbei.

Über ein Danach spricht Luca nicht. Er will auch nichts davon wissen.
Dieses eine Leben genügt ihm, sagt er. Die Vorstellung, ewig weiterzuleben, findet er absurd.

Ich streiche über seinen Arm und küsse seine Haut, solange sie da ist.
Nichts geht verloren, was man liebt, denke ich – und schlafe neben ihm ein.

Freitag, 20. Februar 2026

ein anderes leben

wir haben einen hund
und drei kinder
ein fenster zur straße
und eines ins glück
sonntags geschieht nichts
und das genügt

an regentagen
schreibe ich
dir ein gedicht
du liest die zeitung
darin passiert die welt
und wir kommen nicht vor

Dienstag, 27. Januar 2026

wenn ich an dich denke

dann sage ich
es liegt viel schnee
auf den bergen
oder
ich muss brennholz kaufen
es wird
ein harter winter

manchmal laufe ich
ziellos durch die stadt
oder schreibe

das

Sonntag, 14. Dezember 2025

koordinaten

ich saß auf der veranda
und dachte
an mutters worte
die bei mir nie ankamen
und an das gebet
das sie sprach
als wäre es
ihr letzter trost

ich dachte
an meine kinder
und an das meer
an das haus
das ich verlassen musste
und an die winterabende
im dezember

Sonntag, 16. November 2025

november

lass das fenster
einen spaltbreit offen
damit die gedanken
durchziehen können

vielleicht kommt auch einer herein
der von gestern erzählt
und bleibt

Sonntag, 2. November 2025

ein leises zögern hing zwischen den dingen

an diesem morgen
spreche ich
von der liebe
du sitzt neben mir
und blätterst in der zeitung
dann siehst du
kurz auf
und lächelst

Mittwoch, 8. Oktober 2025

wiegenlied

auf meinem rücken
schläft der juli
ich trage ihn
durch das jahr
wie ein kind
das nicht erwachsen wird

an regentagen
wiege ich ihn
und flüstere
von meiner geburt

Montag, 15. September 2025

hinter der linie


ich höre dich lachen
und sagen
du hättest es dir
schwerer vorgestellt
hier wachsen räume
aus licht und glimmer
und aus dem schatten
bricht das nirgendwo
es ist überall

Freitag, 22. August 2025

kurzer aufschub

um sechzehnuhr
dreißig
zähle ich
die ungelebten minuten
meines lebens
wer nicht lebt
bleibt verschont
vom unbequemen
sage ich
und öffne das fenster

Donnerstag, 14. August 2025

in einer linie aus luft

 

 
 

morgen ändere ich meinen namen
laufe barfuß durch roggenfelder
lege mir sonnenstrahlen
auf die linke schulter
und folge der ungewissheit

wenn der tag sich neigt
atme ich die spuren aus
im schatten eines baumes
lasse ich mein schweigen wachsen

Samstag, 26. Juli 2025

fast nichts

es war im mai
ich stand in der gärtnerei
kaufte gerade petunien
für den balkon
als du mir diese sms schicktest
komme auf ein bier vorbei
schriebst du

das war davor
vor allem

Mittwoch, 23. Juli 2025

über den schnee

ich spreche immer wieder
über den schnee
weil er die einzige sprache ist
die verdeckt
bewahrt
und schweigen kann

Mittwoch, 16. Juli 2025

zustand rückleitung

du hast meine
linke herzkammer
blau gestrichen
wie das meer
es schlägt nun
im rhythmus
der fische

ohne festen halt
treibt es jetzt
ostwärts
ohne widerstand

Mittwoch, 18. Juni 2025

Abschied - Werner Weimar Mazur +12.06.2025

die gedichte werden
dich über die schneefelder tragen
nicht allzu weit
aber weit genug
für den tag und die nacht
mehr können sie nicht

ich lege dir
einen bunten strauß worte
auf dein grab
im schatten des baumes

Samstag, 24. Mai 2025

topographie des vermissens

in der mohnblütenzeit
und der schneeschmelze
flüsterst du
neben meiner einsamkeit
wie ein lauer sommerwind

du bist der einzige name
in meinem ungeschriebenen gedicht
und der weiche herbstregen
auf meiner haut

dich treffe ich immer
in den zwischenräumen

Donnerstag, 22. Mai 2025

im regen des weizens

gib mir
keinen namen
mit weißem hintergrund
nur eine stimme
die worte schreibt
und ein herz
das sich nicht
zertreten lässt

gebäre mich
wenn der weizen blüht
und regen fällt

restbestand

als kind verlor ich die sprache mutter schrieb mir worte auf die stirn lange und kurze manche haben sich festgesetzt einige trage ich ...