Montag, 7. November 2022

luftwiderstand

im gesicht faltet sich
die sprache der jahre
aus den augen verlieren wir
den blick

ich atme deine haut
in mein herz
du sprichst so leise
dass ich dich kaum hören kann

ich sagte dir gestern
liebe ist wie schnee
du sahst mich an
hast es nicht verstanden

Mittwoch, 24. August 2022

tristezza

leergefegt ist der boden
unter den füßen
und die silben meiner sprache
sind nackt und faltig

ich zerreiße die erinnerungen
setze sie neu zusammen
schreibe abschiedsbriefe
an die offenen wunden

nein es regnet nicht
(an solchen tagen sollte es regnen)
ich flüstere nur
verwehte zeilen

Dienstag, 24. Mai 2022

analphabet

auf den nachttisch
stelle ich das gedicht
über die finsternis
es schützt die träume
vor dem vergessen

die poesie
ist mein mantel
salbt die wunde stimme
und nimmt den worten
die last der bitteren jahre

Dienstag, 29. März 2022

vom krieg kann ich nichts erzählen

nicht den arm zum gruß heben
sagt mein grossvater
und es heißt bei uns immer noch
Grüß Gott
der lehrer hat dafür
kein verständnis

das sind tschuing gams
sagen sie zu mutter
als sie ankommen
um den krieg zu beenden
sie ist dreizehn

es fallen wieder bomben
vom himmel
wo sie jetzt wohl ist
denke ich
und reiße eine packung
chewing gums auf

kindheitssplitter

siegi spuckt apfelkerne
über die andere straßenseite
wenn kein auto fährt

mutter sagt zur nachbarsfrau
es würde noch soweit kommen
dass ein ei
hundert lire kosten wird

ich zähle die tage
bis juli
im sommer kam ich zur welt
irgendwann nachts um 11

vater kommt nicht mehr
nach hause
hat den koffer gepackt
als ich noch schlief

das leben sei hart
sagt meine schwester pia
sie weiß das ganz genau
sie ist schon ziemlich alt

ich habe ein fahrrad
und eine katze
geld haben wir keines
sagt mutter

ich verstecke mich im schrank
wenn ich an gedichte denke
im dunkeln haben die worte
keine angst

wenn ich groß bin
mache ich mir ein schönes leben
weil man nicht zwei mal
ein schlechtes haben kann

Freitag, 17. Dezember 2021

zufluchtsorte

 einer schläft auf der parkbank

 und bündelt  seine gedanken in die nacht

 

 die mondfrau trägt ihr verwaschenes tüllkleid

 wandert mit ihrem seelenklang

 durch die straßen der stadt

 

 hausmenschen retten sich

 vor der finsternis

 flüstern hinter den türen

 

 ich glätte die wogen auf deiner seite

 der schlag der kirchenuhr

 reißt mich aus der stille 

 

 in tausend scherben

 bricht das wort aus deinem mund 

 mich fröstelt schon

 beim anblick deiner stimme

restbestand

als kind verlor ich die sprache mutter schrieb mir worte auf die stirn lange und kurze manche haben sich festgesetzt einige trage ich ...