Mittwoch, 22. April 2015

Neulich abend

sagte mein achtzehnjähriger sohn
ich solle doch
gedichte mit aktuellen themen schreiben
nicht über liebe
und diesen ganzen kinderkram

vielleicht über die situation in griechenland
oder die bootsflüchtlinge vor lampedusa
über jugendarbeitslosigkeit
und die terroranschläge
die den menschen angst machen

das - sagt mein sohn
interessiere die menschen
nicht ein gedicht
in dem gefühle gestrickt oder gehäkelt
nein – sagt er – das nicht

und ich sage
sohn
mit gedichten ist noch nie
ein krieg gewonnen worden
sie stillen keinen hunger
und retten keine menschen vor dem tod
egal wie gut ein gedicht ist
es wird wie die bootsflüchtlige untergehen

nicht aber das eine
und ich schaue ihn an
wie groß er geworden ist
er tippt irgendwas in sein handy
und zwinkert mir zu

darüber denke ich

Dienstag, 7. April 2015

Eine unbequeme Klarheit

VERÖFFENTLICHUNG AUSGABE Nr. 24 - MÄRZ 2015


„WORTSCHAU Nr. 24, Titel“


Liebster,
Nun kratze ich die restlichen Silben von meiner Haut. Bis sie ganz rot ist. Ich lege die Ironie deiner Worte in die Schale meiner Erinnerungen. Nichts will ich vergessen, nicht den Tag und nicht die Würde, die ich hatte.
Du nimmst mein Herz in deine Hand und zerdrückst das Pochen bis ich sterbe. Und ich sterbe so still und leise, wie ich dich liebe. Wirst du darüber ein Gedicht schreiben, fragst du. Dann lache ich. Weil ich nicht weinen kann.
Ich habe ein gutes Leben, dort, wo es dich nicht gibt. Du solltest mal auf Besuch kommen und es dir ansehen. Auf dem Balkon blühen rote Geranien und auf dem Fensterbrett steht ein Topf mit Weihrauch.
Auf Nachbars-Dach singt morgens eine Amsel. Seit Jahren schon. Ihr Gesang klingt je nach Wetter traurig oder schön.[/i]
Irgendwann bin ich dir verloren gegangen, Liebster. Du hättest mir das früher sagen sollen. Dann hätte ich geweint. Und ein Gedicht geschrieben

Freitag, 13. März 2015

zugfahrt

die häuser flüchten
rückwärts
in den gärten wächst
ein fluss
eine brücke
kühe und graslandschaft
maulwurfshügel

und mein nachbar isst brote
trinkt cola light
telefoniert mit vollem mund
ich weiß nicht mit wem
vielleicht frage ich ihn später

im hochhaus wohnen sicher migranten
wer sonst
will hier wohnen
neben den gleisen
mit den vorbeifliegenden gärten
und den maulwürfen
vor dem fenster

Donnerstag, 26. Februar 2015

wünsche

: zwei kilogramm frühling
  für die farblosen tage
  und unerwartetes glück
  immer wieder glück
  zwischen den ritzen des tages
  ein lächeln im spiegel
  und dass du bleibst


Anmerkung: gewidmet

Sonntag, 8. Februar 2015

unfertiges

müde erde und
verwelkte blicke
der tod kommt ungelegen
ich kaufe heidekraut und Chrysanthemen


du sagtest noch
ich solle dir
den kamm
und ein paar bücher bringen

und als ich ging
bist du leise auch gegangen

Dienstag, 23. Dezember 2014

prognose

und in diesem neuen
jahr und zeit
werden die fragen
nicht enden
und die antworten
zwischen lachen und weinen
du wirst
immer dort sein
 
 
Allen meinen Freunden und Lesern meines Blogs ein gesegnetes, friedliches Weihnachtsfest und möge das neue Jahr gut mit euch sein.
 
Christa

Dienstag, 16. Dezember 2014

leben im quadrat

großvater ist kerkermeister
versperrt türen und schweigt
ein leben lang
im klirren der schlüssel
trägt großmutter
die wassergefüllte gießkanne
zum friedhof
.

vater zeichnet bäume
nach der arbeit
[fichten und birken
die wurzeln kriechen unter die erde]
und raucht dabei nazionali*

.

mutter stellt den kochtopf
an den herdrand
und schürt papier
ins ofenloch
die fichtenspitzen biegen sich dabei
schwarzgekränkt im feuer

.

manchmal klettere ich auf bäume
bis zu den wolken
darauf schreibe ich geschichten
über leute
die unten vorbei gehen
manchmal bin ich auch ein mädchen



Anmerkung: *nazionali = alte, italienische Zigarettenmarke, filterlos (wird nicht mehr hergestellt)

restbestand

als kind verlor ich die sprache mutter schrieb mir worte auf die stirn lange und kurze manche haben sich festgesetzt einige trage ich ...